Wie geht Patchwork? Augen zu und Prost.

Patchwork Familien

Meine Ehe würde eher ein Buch als nur eine Seite füllen. Die Trennung erfolgte nach knapp vier Jahren – glaube ich. Vielleicht waren es auch fünf. Details. Jedenfalls kam nach fünf Jahren Singledasein, mit meiner Tochter, der Mann um die Ecke, der mich erstmalig zum Überdenken meines Lebenskonstruktes brachte. Der Burgfräulein Ära ein Ende setzte quasi. Ein Mann zum lachen, shoppen, verreisen und für romantische Abende zu Zweit. Einer, der mir die Türen aufhielt, und mich zum Essen ausführte. Mich mit dem Motorrad abholte, um verrückte Sachen zu machen und mir heute noch Blumen mit nach Hause bringt. Wo ist der Haken, fragt ihr Euch? Ich möchte es vorsichtig ausdrücken, denn es gibt keinen “Haken”, sondern eher drei Kinder. ON TOP! Mit ihm habe ich mir also den Stiefmutterstatus angelacht. Gerade ich, deren Nerven schon blank lagen, wenn meine Tochter nur eine Freundin zum spielen mit nach Hause brachte. So wurde ich fortan Zeuge davon, wie mindestens vier Kinder (1 eigene Niederkunft, 3 aus externer Dienstleistung) die Wohnung innerhalb von wenigen Minuten in ein Katastrophengebiet verwandelten. Nee, ich übertreibe nicht! Jedes zweite Wochenende, und auch gerne darüber hinaus, heißt es nun seit vier Jahren: “Wem gehört das nasse Handtuch, dass gerade Kränze in unseren FengShui-Bio-Holzboden frisst? Warum ist die Toilette nicht abgezogen? Warum steht eigentlich die Haustüre auf? Von wem ist die Apfelkitsche mit Fell? Warum ist da eine Ameisenstraße vom Nachtisch in den Kleiderschrank?! Müsst ihr Euch eigentlich die ganze Zeit prügeln? Seid doch mal lieb zueinander!

Ok, dachte ich mir – das muss zu regeln sein. Stichwort REGELN! Also zitierte ich den Nachwuchs zu mir und befahl den Schweigefuchs: 1. Wenn man die Toilette benutzt, benutzt man hinterher auch die Klospülung. 2. Für den seltenen Fall, dass tatsächlich mal jemand auf die Idee kommt, sich zu waschen, liegen dazu Handtücher bereit, die anschließend aufgehangen werden. 3. Es ist darüber hinaus untersagt auf dem Sofa zu essen, weil ich einfach keinen Milchgeruch, oder Thunfischflecken auf den Möbeln mag. 4. Ich würde es darüber hinaus begrüßen, wenn ihr Euch nicht regelmäßig die Haare ausreißt und wenn wir gewisse Ausdrücke aus dem Vokabular streichen usw. Fazit der Schweigeminuten: Ein Blick in aufmerksame Gesichter, die brav nickten und einem das Gefühl gaben, alles davon zur Kenntnis genommen und abgespeichert zu haben. Dies gab mir zunächst die Sicherheit, gesiegt und das Ruder wieder in der Hand zu haben. Aber das war und ist eine ganz miese optische Täuschung! Schon am nächsten morgen konnte beobachtet werden, wie der Kleinste versuchte mit dem Spüllappen die Müsli und Milchreste aus der sündhaftteuren Kaschmirdecke zu entfernen. Auf eine Standpauke und den Verweis auf die Nummer mit dem Schweigefuchs folgte nur ein kurzes, betretenes “tut mir leid” und damit war das Kind auch schon wieder vor dem Fernseher in sein Nickelodeon Programm vertieft.

Es gibt sicher Frauen, die den Wahnsinn um sich herum gar nicht wahrnehmen und es ganz herrlich finden, wie Kinder sich entwickeln. Wenn sie entdecken, dass Lebensmittel durchaus anfangen zu stinken, wenn man sie kurz im Kleiderschrank verstaut und hinterher vergisst. Wenn sie praxisnah erleben, daß Bonbonpapier sich auf einem Parkettboden nicht festtritt. Wie sie die Erkenntnis erlangen, dass die Wäsche sich nicht von alleine wieder in den Schrank räumt. Erst recht nicht, wenn man sie überall auf dem Boden verteilt hat und aus Faulheit im Bündel in den Wäschekorb schmeißt. (Der Erfahrung nach kommt irgendein Doofer, der wäscht und alles wieder ordentlich in den Schrank räumt.)

Was soll ich Euch sagen: Kinder geben einem so viel! Ich bin immer ganz erfreut, wenn sie zur Tür reinkommen und denke mir: Ich habe Euch wirklich vermisst! Das relativiert sich leider meistens sehr schnell. Diese Patchwork Nummer ist von außen betrachtet eine tolle Sache. Meine Tochter findet es im übrigen auch prima. Denn endlich ist jedes Wochenende “Kirmes”. Letztendlich finden wir Eltern das auch ganz toll. Zum Beispiel im Urlaub, wenn wir, Dank des eifrigen Miteinanders der Kinder, schon mittags den ersten Gin Tonic in Ruhe trinken können. Fakt ist: wir LIEBEN unsere Kinder. Freuen uns aber auch sehr, wenn Menschen vorbei kommen und sich mit ihnen beschäftigen. Wir verleihen Sie auch gerne mal für eine Woche oder so. (Spaß…)

Zum Thema Patchwork und Beziehung:
Kritik am eigenen Kind zu ertragen ist wirklich schwer. Prinzipiell gehen einem die nicht leiblichen Kinder einfach mehr auf den Sender. Denn der liebe Gott, oder wer auch immer uns schuf, hat da einen raffinierten Schutzmechanismus eingerichtet. Wenn man sich nun in der sogenannten zweiten Runde seines Liebeslebens einen Partner mit Anhang angelt, kommen nicht nur die Kinder, sondern auch echte Herausforderungen in Sachen Beziehung auf einen zu.  Ich bin davon überzeugt, dass die Konstellation von Partnern mit beidseitigem Anhang die Überlebensfähigste ist. Denn nur, wenn man selbst ein oder mehrere Kinder hat, kann man nachvollziehen, wie schwer erträglich Kritik am eigenen Kind ist. Dennoch muss aber über das tägliche Miteinander gesprochen werden. Insbesondere, wenn die Erziehungsmethoden des Partners mit den eigenen nicht übereinkommen. Meiner Erfahrung nach sollte man dieser oftmals unangenehmen Unterhaltung in Momenten der Ruhe nachkommen. Im täglichen Wahnsinn fehlen oftmals die Nerven und die Objektivität.

Es gibt aber auch wirklich herzzerreißende Momente, in denen unsere Kinder zu viert in einem Bett schlafen, sich verkleiden oder eine Aufführung einstudieren. Aber egal wie man es betrachtet, eine zusammengewürfelte Familie ist und bleibt immer mehr Arbeit. Blut ist dicker als Wasser und im Zweifel bleibt sich jeder seines Stammes treu. Dies gilt nicht nur für die Kinder – auch als Erziehungsberechtigter braucht man viel Besonnenheit, Toleranz und Dickfelligkeit. Wenn man sich auf das Patchworkleben einlassen will, gilt folgende Regel: Ganz oder gar nicht! Und wenn es mal wieder mit dem Schweigefuchs nicht klappt, hilft ab und zu auch mal ein GinTonic. Oder auch einfach mal RTL II einschalten, denn es geht immer noch schlimmer…

Wenn wir ganz ehrlich sind, gibt es doch die Vorzeige Familien, bei denen wirklich immer alles glatt läuft, die Kinder wohlerzogen und gut in der Schule sind – und zwar ohne Aussetzer – nicht wirklich. Was es aber gibt, ist eine wirklich große Familie, in der auch der Ex-Partner mit seiner neuen Frau und seinen zwei weiteren Kindern mit uns eine Einheit bilden. Das ist sicher nicht immer so gewesen. Es braucht eine gewisse Zeit, bis eigene Befindlichkeiten soweit überkommen sind und so etwas möglich ist. Aber wenn man sich hier und dort zusammenreißen kann, Trennungsangelegenheiten NICHT auf dem Rücken der Kinder ausbadet und vor allem die nötige innere Größe hat, ist es möglich. Wie bei uns. Ich kann heute mit meiner kleinen Patchworkfamilie und mit meinem Ex-Mann und seiner neuen Familie in den Urlaub fahren. Wir verleben dort eine großartige Zeit ohne dabei auch nur für eine Minute ein komisches Gefühl zu erleben. Ganz im Gegenteil. DAS ist Familie und etwas, auf das man wirklich stolz sein kann. Gerne erzähle ich meiner Tochter wie selten und wertvoll das ist. Besonders dann, wenn sie traurig darüber ist, dass Mama und Papa nicht mehr zusammen sind.
Leider funktioniert das bei uns auch nur in die eine Richtung. Denn nicht jeder Expartner ist um diesen Frieden bemüht. Somit erlebe ich auch hautnah ein Paradebeispiel dafür, wie es nicht laufen sollte. Also an alle da draußen, die sich in einer Trennungssituation befinden oder schon lange darüber hinweg sind: Augen auskratzen ist für Amateure! Atmet doch mal alle tief durch, lasst die Prinzipienreiterei und besinnt Euch. Immerhin habt ihr Euch alle mal geliebt. Es mag Euch vielleicht zu Rosamunde-Pilcher-mäßig erscheinen, aber wenn ihr Euch und Euren Kindern etwas Gutes tun wollt, dann lebt denen doch mal vor, wie man Konflikte überkommen kann. Ohne sich dabei kaputt zu machen. Gekränkt, verletzt und schlecht behandelt wurden doch an irgendeinem Punkt ALLE schon mal. Und auch wenn es nicht einfach ist zu verzeihen (vielleicht sogar darüber hinweg zu sehen, verlassen worden zu sein), so könnt ihr die eigenen Befindlichkeiten doch lieber mit einer Flasche Rotwein ausmachen. “Die Vergangenheit könnt ihr nicht mehr ändern, aber die Zukunft schon” lautet das Mantra.

Lohnt sich!

Eure (heute sehr weise) Käthe.

 

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